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Ein dramatischer Abend in Arnheim


Ernst Happel hatte als Trainer von Feyenoord Rotterdam und der niederländischen Nationalmannschaft schon einiges erlebt. 1970 war Reservist Jan Boskamp vor dem ersten Weltpokalmatch von Feyenoord gegen Estudiantes de la Plata mit einer Platzwunde am Kopf in die Katakomben gelaufen. Beim Aufwärmen hatte ihn ein argentinischer „Fan“ mit einer Münze getroffen. Für Happel eine logische Angelegenheit, hatte der Jan doch einen derart dicken Kopf, daß man den gar nicht verfehlen konnte ... Und nach dem WM-Endspiel von 1978 gegen Argentinien trauten sich Happels Oranje-Spieler nicht aus dem Hotel. Vor der Herberge feierten nämlich gerade eine Million Argentinier geradezu hysterisch den Sieg der Heimmannschaft. Nein, Happel ließ sich eigentlich von nichts mehr einschüchtern. Aber selbst ihm war am 30. September 1981 in Arnheim auf der Gästebank mulmig zumute. Happels HSV mußte im Erstrundenrückspiel des UEFA-Pokals gegen den FC Utrecht im Arnheimer Stadion Nieuw Monnickenhuizen antreten, weil die Utrechter Arena gerade umgebaut wurde. Nieuw Monnickenhuizen war mit 19.000 Zuschauern proppenvoll. Hinter der Ersatzbank der Hanseaten drehten FC-Utrecht-Anhänger durch: Es wurde geschrien, gespuckt, Bier wurde in Richtung der Deutschen geschüttet, und die fanatisierten Utrechter hingen in den Absperrgittern. Die Ersatzbank wurde um 50 Meter in Richtung Haupttribüne verschoben, aber auch das half nichts. Die Drohungen und Beschimpfungen wurden einfach fortgesetzt, die Deutschen blieben Ziel tollwütiger Schlachtenbummler. In der zweiten Halbzeit lief Ernst Happel sogar aufs Spielfeld um dem Elend zu entkommen.

HSV-Legende Manni Kaltz blickt zurück auf die Spielen gegen den FC Utrecht: „Die erste Begegnung im Volksparkstadion hätten wir mit 6:2 gewinnen müssen. Wir haben aber viele Chancen verschenkt, und der Utrechter Torwart [Hans van Breukelen, bald darauf niederländischer Nationaltorhüter] war hervorragend. Am Ende stand es 0:1 – das war unfaßbar. So ein Match spielt man vielleicht einmal in zehn Jahren.“ In Arnheim hatten die Utrechter nicht soviel Glück. Der HSV war mit Spitzenkräften wie Kaltz und Felix Magath viel zu stark. „Das Rückspiel fand in einem kleinen Stadion statt. Es war da nicht gerade deutschfreundlich. Ernst Happel, der in Holland Trainer gewesen war, hatte uns vor dem Utrechter Publikum gewarnt. Daß wir dann derart ausgepfiffen und bespuckt wurden, gab uns nur einen Motivationsschub. Wir haben sehr konzentriert gespielt und das Duell ganz klar zu unseren Gunsten entschieden. Unsere Leute auf der Bank hatten es viel schwerer, mußten eine Menge über sich ergehen lassen“, so Manni Kaltz. Der Mann mit den meisten Bundesliga-Einsätzen für den HSV und 69fache Nationalspieler betrachtet die Erlebnisse in Arnheim aber nicht als internationalen Tiefpunkt: „Nein, wir haben ganz andere Sachen erlebt: In Portugal und Griechenland hat man uns mit Steinen beworfen. Man darf die paar Irren nicht so ernst nehmen.“ Der rechte Außenverteidiger mit den berühmten Bananenflanken hat nicht nur Schlechtes mit dem niederländischen Fußball erlebt. „Bei der WM 1978 und bei der darauffolgenden EM habe ich noch gegen Holland gespielt. Während der Spiele gab es nie Probleme mit den Holländern. In Weltauswahlen und Promi-Mannschaften hießen meine Mitspieler unter anderen Ruud Krol, Arie Haan sowie Willy und René van de Kerkhof. Nach den Spielen haben wir uns immer noch gut verstanden. Das ist auch wichtig.“

Harry Walstra, den 31. Oktober 2007