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FEYENOORD UND AJAX

Geschichte einer Feindschaft

Von Harry Walstra

Wenn Feyenoord Rotterdam wie am Sonntag auf Ajax Amsterdam trifft, läuten bei den niederländischen Sicherheitskräften die Alarmglocken. Aber nicht nur die Duelle gegen den Liga-Konkurrenten mobilisieren die Anhänger - deutsche Mannschaften hassen die Rotterdamer Fans fast genauso.

Für Jürgen Grabowski gibt es kaum noch Zweifel. Er ist 26, im besten Fußballeralter, hat eine starke Weltmeisterschaft gespielt und bei Eintracht Frankfurt konstant gute Leistungen gebracht. Viele Gründe, seine Wechselabsichten offen zu legen: "Ich bin nach Saisonende ein freier Mann, in meinem Vertrag ist keine Klausel für den Verein, das ist meine Chance!", sagt er. Die Interessenten für den Rechtsaußen stehen Schlange in diesem Sommer 1970, und trotz vieler Angebote aus der Bundesliga liebäugelt Grabowski mit einem Wechsel in die Niederlande. Sein Wunschverein, Feyenoord Rotterdam, hat ein starkes Team, das in der Vorsaison den Europapokal der Landesmeister holte; ein Freundschaftsspiel zwischen den Holländern und Grabowkis Eintracht soll beide Seiten näher bringen.

Doch in Rotterdam denkt man gar nicht daran, den Deutschen willkommen zu heißen. Sollte Grabowski kommen, würde Henk Wery seinen Platz in der Elf verlieren. Kein Weltklassefußballer, aber trotzdem mit großem Wert für die Mannschaft und darüber hinaus sehr beliebt. Nein, Grabowski sollte mal schön in Deutschland bleiben, lautet die herrschende Meinung im Team. Rinus Israel, Theo Laseroms und vor allem Willem van Hanegem bearbeiten ihn während der Partie mit allen Mitteln. Es dauert nur 90 Minuten, dann hat Grabowski genug von Feyenoord. Er bleibt in Frankfurt.

Feyenoord und die Deutschen, das war schon immer eine besondere Beziehung, die weit über die traditionelle Rivalität der Holländer zum Nachbarn hinausging. Dabei war diese Anfang der siebziger Jahre noch nicht so ausgeprägt wie heute. Damals spielte die Geschichte und die Politik lediglich eine untergeordnete Rolle, die Partien zwischen beiden Nationalteams waren vor allem ein fußballerisches Ereignis.

Die deutsche Mannschaft spielte gerade bei der EM 1972 fast holländischer als die Holländer, Cruyff und Beckenbauer waren zudem gut befreundet. Erst das Finale bei der WM 1974 brachte mehr Brisanz in die Spiele beider Teams. In Rotterdam hat sie sich im Laufe der Jahre mehr und mehr hochgeschaukelt, was sich vor allem in den Europacup-Duellen mit den deutschen Mannschaften zeigt.

Zuletzt herrschte vor knapp drei Jahren der Ausnahmezustand. Feyenoord und Borussia Dortmund trafen ausgerechnet im Rotterdamer Stadion "De Kuip" im Uefa-Pokal-Endspiel aufeinander. Die niederländische Polizei rief die höchste Sicherheitsstufe aus, das Zentrum der Stadt wurde für die deutschen Anhänger komplett gesperrt, um Zwischenfälle wie fünf Jahre zuvor zu vermeiden, als während eines Kräftemessens zwischen den Anhängern von Feyenoord und Ajax Amsterdam ein 35-jähriger Familienvater getötet worden war.

Damals beklagten die Zeitungen den "Verlust gesellschaftlicher Werte und Normen", am Tag des Uefa-Pokal-Endspiels forderte Hollands größte Tageszeitung "De Telegraaf": "Und nun noch die Deutschen!" Am Ende mussten die Sicherheitsbeamten froh sein, dass Rotterdam die Partie durch Tore von Pierre van Hooijdonk (2) und John Dahl Tomasson mit 3:2 gewann - bei einer Niederlage der Heimmannschaft hätte wohl auch ein noch so großer Polizeiapparat die wütende Meute nicht aufhalten können.

Feyenoord hatte schon immer den Ruf, der Verein der Hafenarbeiter zu sein. Diese Mentalität ist in der Geschichte des Clubs immer wieder zu finden. Während der Konkurrent Ajax Amsterdam eher technisch starke Spieler hatte, setzte Feyenoord vorwiegend auf die Kämpfernaturen. Und genau wie in Dortmund oder Schalke ist es in Rotterdam nie ruhig. Es passiert immer irgendetwas.

Entweder wird der Trainer entlassen, die Fans sind wegen vieler Fehleinkäufe unzufrieden - oder Misswirtschaft und Steuerschwierigkeiten bestimmen die Schlagzeilen. Und wie zwischen Schalke und Dortmund herrscht auch zwischen Feyenoord und Ajax eine tief sitzende Rivalität. Wenn in Rotterdam etwas für noch mehr Euphorie sorgt als ein Sieg gegen einen deutschen Club, dann ist es ein Triumph über Ajax.

Dabei tragen viele Hooligans von Feyenoord auch Symbole des Nationalsozialismus. "Hamas, Hamas, Juden ins Gas", ist einer der Slogans, den die Ajax-Anhänger zudem oft zu hören kriegen, gerade wenn sie gegen Rotterdam antreten müssen. Eine Provokation der gegnerischen Fans, denn die Amsterdamer sehen sich seit Jahren als jüdischer Club und treten nicht selten mit Davidstern, israelischer Flagge und philosemitischen Slogans auf.

Zwar hatte auch der dritte niederländische Großclub PSV Eindhoven oft ein gutes Team mit Stars wie Romário oder Ronaldo, aber eine Partie zwischen Ajax und Feyenoord ist nicht zu vergleichen mit einer Begegnung zwischen einem der beiden Teams und dem PSV, denn ein echter Fußballfan in den Niederlanden ist entweder Anhänger von Ajax oder Feyenoord, die im Gegensatz zum PSV beide schon zu Beginn des Jahrhunderts die Topclubs des Landes waren. Nationale Meisterschaften oder Pokale machten meistens die beiden Vereine unter sich aus. Amsterdam gegen Rotterdam ist immer ein Kampf der Titanen in einem vollen Stadion, völlig unabhängig vom Tabellenplatz. PSV-Fans findet man dagegen meist nur in der Umgebung von Eindhoven.

Die Hochzeiten der Duelle Feyenoord gegen Ajax waren die sechziger und frühen siebziger Jahre. Damals verfügten beide Clubs über Mannschaften von Weltklasseformat. Auf der Bank von Feyenoord saß Trainerlegende Ernst Happel, im Mittelfeld führten der Österreicher Franz Hasil und die beiden niederländischen Nationalspieler Wim Jansen und Willem van Hanegem Regie, die Tore machte der Schwede Ove Kindvall. Er erzielte auch das entscheidende 2:1 im Europacup-Finale der Landesmeister in Mailand am 6. Mai 1970 gegen Celtic Glasgow. Im Jahr darauf gewann Feyenoord den Weltpokal nach zwei Spielen gegen Estudiantes.

Ajax stand schon 1969 im Europacup-Finale, verlor aber. Die Amsterdamer verfügten über solche Klassespieler wie Ruud Krol, Gerrie Muhren, Johan Neeskens, Arie Haan, Piet Keizer und natürlich Johan Cruyff. Der spielte zu Beginn seiner Laufbahn nicht gerne im Rotterdamer Kuip.

Genau wie Grabowski provozierten die Feyenoord-Spieler auch ihn. Vor einem Spiel nahm der Rotterdamer Verteidiger Laseroms den dünnen Cruyff beiseite und drohte ihm: "Wenn du heute bei uns in den Strafraum kommst, kommst du nicht mehr lebend raus." Später ließ sich Cruyff nicht mehr einschüchtern. Dreimal hintereinander gewann Ajax mit ihm den Landesmeister-Pokal, auch national war Ajax von Feyenoord nicht mehr aufzuhalten.

Der Tiefpunkt für Feyenoord war die 1:5-Heimniederlage gegen Ajax am 15. April 1972. Danach ging folgender Witz bei den Rotterdamer Fans um: "Sie sollten das Gras in de Kuip besser durch Schamhaare ersetzen, da fühlen die Pimmel sich eher zuhause." Immerhin holte Rotterdam in dieser Saison noch den Uefa-Cup durch einen Endspielerfolg über Tottenham Hotspur.

Es blieb für lange Zeit der letzte Erfolg. Wenigstens Willem van Hanegem behielt noch seinen Humor. Einmal bekam er von Vorstandsmitglied Fred Blankemeyer einen Strauß Blumen: "Für deine 25. Gelbe Karte." Willem konterte und überreichte Blankemeyer einen Tag später auch einen Strauß: "Für deinen 25. Fehleinkauf!" Nach dem Weggang von van Hanegem 1976 gab es in de Kuip nicht mehr viel zu lachen.

Ausgerechnet ein Neuzugang vom verhassten Erzrivalen sorgte 1983 für neue Aufbruchstimmung und ein Jahr später für Feyenoords ersten Titel seit zehn Jahren. Cruyff hatte in Amsterdam abgedankt, war aber äußerst motiviert, mit 37 Jahren noch einmal die Meisterschaft zu holen. An seiner Seite agierte der 22-jährige Ruud Gullit, der heute Cheftrainer in Rotterdam ist. Das Publikum konnte sich für Cruyff aber nicht sonderlich erwärmen, im Schnitt kamen nur 24.000 Zuschauer. Anfang der siebziger Jahre waren es noch 45.000 Fans pro Partie.

Erst in den Neunzigern wurde Feyenoord wieder zum Volksclub mit großem Zuschauerzuspruch. 1993 holte das Team mit van Hanegem als Trainer die Meisterschaft, dazu kamen drei Pokalsiege. Auch in Europa war Rotterdam wieder wer. In Deutschland kamen die Anhänger immer wieder in die Schlagzeilen, positiv wie negativ. Fast 12.000 Fans reisten mit ins Düsseldorfer Rheinstadion, als Rotterdam bei Borussia Mönchengladbach zu Gast war und sorgten für eine unvergleichliche Atmosphäre.

In Erinnerung blieb aber auch das Gastspiel von Feyenoord in Leverkusen, als die Feyenoord-Anhänger ernsthaft versuchten, einen Teil des Ulrich-Haberland-Stadions niederzureißen. Nicht erst seit diesem Tag schwingt bei Duellen zwischen deutschen Teams und Feyenoord bei aller sportlichen Attraktivität immer ein gehöriges Stück Sorge mit. Seit Jupp Kaczor vom VfL Bochum hat kein deutscher Spieler mehr den Weg in das Team von Feyenoord gefunden.

Dafür wechselte vor der Saison der Trainer aus Rotterdam in die Bundesliga. Bert van Marwijk staunte schon bei seinen Beobachtungen für das Uefa-Pokal-Finale 2002 über die Wucht des vollen Westfalenstadions, und so zögerte er nicht lange, als ihm das Angebot des BVB im Sommer 2004 auf den Tisch flatterte. "Eigentlich ist dieser Club Feyenoord in groß", war sein Kommentar.

Jürgen Grabowski übrigens hat noch seinen Frieden mit Feyenoord gemacht. In der Saison 1979/80 ließ er sich mit Eintracht Frankfurt im Uefa-Cup nicht von Rotterdam stoppen. Nach einem 4:1 im Waldstadion verlor seine Mannschaft im "Kuip" nur mit 0:1 - und holte am Ende der Saison den Uefa-Pokal.

(In April 2005 auch publiziert in 11FREUNDE)